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An einem unbestimmten Tag im Jahr 475 v. Chr. stieg ein Mann die Stufen des griechischen Theaters von Syrakus hinauf: Es war Aischylos, der große attische Tragödiendichter. An diesem Tag wurde eines seiner klassischen Werke aufgeführt, Die Ätnaier, geschrieben zur Feier der Neugründung der Stadt Catania. Ein großes Ereignis in einem großen Theater, das schon damals zahlreiche Besonderheiten vorzuweisen hatte: Es war nämlich das älteste Theater, das jemals aus Stein erbaut wurde. In Syrakus wurde im 5. Jahrhundert v. Chr. das erste vollständig in den Felsen gehauene Theater errichtet, denn zuvor bestand ein Theater ausschließlich aus hölzernen Sitzreihen.

Neben seinem Alter übertrifft das Theater von Syrakus alle anderen sizilianischen Theater an Größe:
von den kleinen und mittleren wie jenen von Solunto und Segesta bis hin zu den großen und klassischen wie Tindari und Taormina. Doch was das Theater von Syrakus wirklich einzigartig und unvergleichlich macht, geht weit über diese Merkmale hinaus: Es ist seine Geschichte. Syrakus war nämlich der Mittelpunkt eines außerordentlich lebendigen und reichen Theaterlebens und war bereits in der Antike berühmt für seine kulturelle Vitalität und seine frühen Beiträge zur Entwicklung des Theaters.

Nur wenige Theater besitzen eine Geschichte wie das von Syrakus.
Das Theater war in Griechenland keineswegs ein elitäres Vergnügen, nicht nur für Intellektuelle oder besonders gebildete Menschen bestimmt: Es war ein großes Volksfest. Die Feierlichkeiten begannen frühmorgens mit einer Prozession, gefolgt von der rituellen Reinigung des Ortes und der Zuschauer. Danach folgte der administrative Teil, also die Auswahl der Richter, die entscheiden sollten, welches der klassischen Werke den Wettbewerb gewinnen würde. Diese Abläufe und Funktionen sind heute selbstverständlich verschwunden, doch der Charakter des großen Volksfestes ist geblieben.

Das Theater ist ein Teil des Lebens der Stadt.
Auch wenn moderne Besucher es oft nicht wissen: Theater unter freiem Himmel und in der Sonne zu erleben bedeutet, ein uraltes Ritual zu erneuern. In Griechenland fanden die Aufführungen immer tagsüber statt, und wie damals strömt auch heute ein bunt gemischtes Publikum aus allen Lebensbereichen herbei, um die sonnendurchfluteten Sitze zu füllen.

Das Istituto Nazionale del Dramma Antico (INDA) erreicht dieses Jahr seinen 51. Zyklus klassischer Aufführungen im griechischen Theater von Syrakus und präsentiert die Trilogie des Meeres, die vom 15. Mai bis zum 28. Juni stattfindet: die klassischen Texte Die Schutzflehenden von Aischylos, Iphigenie in Aulis von Euripides und Medea von Seneca.

Im Herzen des Mittelmeers, in jenem antiken Theater, in dem Aischylos vor 2400 Jahren debütierte, erneuert das INDA seine große kulturelle Mission und trägt das klassische Erbe in immer neuen Perspektiven weiter. Eine außergewöhnliche Theatermaschine, einzigartig in ihrer Art, getragen von Menschen, deren Begeisterung, Hingabe und Professionalität durch Aufführungen von starkem symbolischem Wert große Emotionen entstehen lassen.

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